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ÖSTERREICHISCHER TIERARZT UND FOTOGRAF FRITZ WOLLINGER ÜBER DIE MONGOLEI: DSCHINGIS KHAN UND DIE MODERNE ZEIT

 
DIE HAUPTSTADT ULAN BATOR: Über allem schwebt der Geist Dschingis Khans.
Der Flughafen ist nach ihm benannt wie auch das Fassbier, der Wodka oder das erste Hotel am Platz. Schließlich hat er halb Zentralasien erobert und kam fast bis vor die Tore Wiens. Die ungarische Sprache ist wie das Türkische mit dem Mongolischen eng verwandt.
Natürlich dominiert sein Monument den zentralen Platz - der aber interessanterweise nicht nach ihm, sondern nach dem Nationalhelden Shükbataar benannt ist. Er war der Kämpfer gegen die Unterdrückung, Führer der Revolution und Vater der Unabhängigkeit.
Dschingis Khan aber war und ist bis heute die Integrationsfigur des Volkes.
Ihm wird gehuldigt wie einem Heiligen.

 
Die Mongolei hat eine abwechslungsreiche Geschichte hinter sich. Lange unter chinesischem Einfluss erlangte sie 1911 nach mehreren erfolglosen Versuchen die Unabhängigkeit. Der Buddhismus war prägende Religion.
Um 1940 machte Russland unter Stalin dem ein Ende. Praktisch alle Klöster wurden niedergerissen, die Mönche vertrieben oder umgebracht. Nur ganz vereinzelt in entlegenen Gebieten konnte sich ein harter Kern halten.
Im Gefolge von Stalin und dem 2. Weltkrieg geriet die Mongolei in den Einflussbereich der Sowjetunion.
Politisch konnte das Land überleben, da sich Russland und China auf einen Pufferstaat in Zentralasien geeinigt haben. Ähnlich wie Österreich entstanden ist aus dem Pragmatismus zwischen Russland und den USA.
So kamen die Deutschen aus der DDR als "Entwicklungshelfer" ins Land. Die DDR ist gegangen, die Plattenbauten sind geblieben. Und neben dem Einzug des internationalen Kapitals sind die Klöster wieder auferstanden.
Zurück zu meinem Abenteuer - Toro stand am nächsten Tag vormittags vor meiner Hotelzimmertüre. Herbeigerufen vom Taxifahrer und der eifrigen Rezeption. Das Auto habe eine Panne gehabt und so konnte er mich nicht abholen. So einfach ist manches zu erklären. Wie er mich ohne diese Heinzelmännchen und meine Reiseroutine gefunden hätte bleibt ein asiatisches Rätsel. Aber davon gibt es viele und das ist eine andere Geschichte.
Fröhlich vereint machten wir uns auf den Weg aufs Land zu den Pferden und die sie hütenden Nomaden. Der Verkehr ist asiatisch - chaotisch. Die Autos sind - wie die Menschen - von altkommunistisch bis hochmodern und teuer ausgestattet bzw. gekleidet. Sie sind rechts- oder linksgesteuert. Je nach Alter und Ursprungsland. Gefahren wird grundsätzlich rechts. Im Zentrum allerdings wird mehr gestanden als gefahren. Außerhalb des Zentrums da wo Platz ist. Mit allem, was transportierbar ist.
Es kann den Reiz des Mitfahrens wesentlich erhöhen und aufkommende Müdigkeit ob der langen Distanzen drastisch vertreiben wenn man in einem rechtsgesteuerten Auto mitfährt und jeder Überholvorgang mit einem halben Blindflug in den Gegenverkehr beginnt. Besonders wenn der Beifahrer, der für Auskünfte bezüglich möglicher entgegenkommender Fahrzeuge zuständige wäre in asiatischem Gleichmut vor sich hindämmert.
Die nächsten 4 Tage sollte ich das Land also in obiger Manier "erfahren", in einer Jurte übernachten, mit einem Gurkenglas voll Wasser aus der Pferdetränke die morgendliche und abendliche Hygiene erledigen und in der Weite des Landes eine Mulde als Toilette finden.
Jurten sind stabil und winterfest gebaut und doch schnell auf- und abgebaut. Der Boden ist natur oder mit Linoleum abgedeckt. In der Mitte steht ein Gußeisenofen, befeuert zumeist mit getrocknetem Pferdemist. Bei Schönwetter wird im Freien gekocht.Zumeist irgendeien Art von Eintopf mit Ziegen- oder Schaffleischeinlage. Der gesamte Hausrat und die Betten stehen an den Wänden. Vom Ältesten bis zum Neugeborenen wohnen alle unter einem Dach.
Die Gastfreundschaft ist für unsere Begriffe unglaublich. Ein Blick durch die Türe genügt und man ist eingeladen. Kommuniziert wird mit Händen und Füßen. Dazu gibt es feste Verhaltensregeln, die, wenn man sie kennt, den Aufenthalt ziemlich in die Länge ziehen können.
Die Türe muss immer nach Süden ausgerichtet sein. Zwischen den Stützen der Kuppel darf man nicht durchgehen. Den Türstaffel nicht betreten und wenn man darüber hinausstolpert, dann muss man noch einmal rein gehen und wieder raus sonst nimmt man das Glück mit hinaus. Reinstolpern ist weniger tragisch. Zuerst wird Schnupftabak angeboten, dann Aigar. Die vergorene Stutenmilch schmeckt wie saures Yoghurt und sollte nur in geringen Mengen von unsereinem genossen werden. Überhaupt muss man weder Schnupftabak noch Aigar tatsächlich konsumieren. Nehmen und dran riechen mit anschließender freundlicher Miene genügen. Und zum Essen muss man sich setzen auch wenn man nur kostet und nach dem Essen sollte man zumindest ansatzweise rülpsen um seine Zufriedenheit mit dem Dargebotenen zu demonstrieren.
Das Land gehört allen und niemandem. Man bewegt sich mit seinen Tieren nach Bedarf und in Sichtweite zum Nachbarn in einem offenen Gebiet. Einzig Wasserstellen scheinen einen gewissen Fixpunkt darzustellen. Die "gewöhnlichen" Tiere einer Herde müssen sich nämlich selbst versorgen. Die Tränke in Form eines Wassertanks bei den Jurten ist nur für die Trainings- bzw. Zuchttiere und die Hirten.
Tiere und Hirten bleiben das ganze Jahr über draußen. Im Winter müssen die Pferde den Boden freischarren wie bei uns das Wild. Schneefall setzt Ende September ein und bis April gibt es praktisch keine frostfreien Tage. Im Januar liegt die Durchschnittstemperatur in Ulan Bator bei weniger als minus 20 Grad Celsius. Nur die Harten kommen durch. Das ist die natürliche Selektion. So entstand das Mongolische Pferd. Vergleichbar am ehesten mit Isländern, Huzulen oder anderen, großen Ponyrassen.
Hervorgegangen aus dem gerade noch vor dem Aussterben bewahrten Przewalskypferd, von dem man annimmt, dass es ein Bindeglied zum Urpferd ist. Davon wurde vor einigen Jahren unter medialem Trara eine Herde aus Österreich in der Mongolei wieder angesiedelt.
Verwendung findet es - noch - als Arbeits- und Zugpferd. Vor allem aber gibt es eine Jahrhunderte alte Tradition des Pferderennens. Es gibt eine Vielzahl von lokalen und überregionalen Rennen während der warmen Jahreszeit zwischen Mitte Juni und Anfang September.
Höhepunkt ist das große Naadamfest. Einmal im Jahr kommen die Menschen Mitte Juli aus dem ganzen Land für eine Woche nach Ulan Bator um zu feiern. Die Eröffnung beginnt im Zentrum der Stadt am Parlament zu Füßen Dschinghis Khans.
Von hier werden die Siegesstandarten von der Ehrengarde in historischen Uniformen abgeholt. Unter martialischer Musikbegleitung geht es an der jubelnden Bevölkerung vorbei zur eigentlichen Veranstaltung ins Stadion. Hunderte Darsteller und fast ebenso viele Pferde zeigen die Geschichte von den Kämpfen und Eroberungen der Geschichte bis zur Teilnahme am sowjetischen Weltraumprojekt Sojus des ersten und einzigen Mongolischen Kosmonauten Dschügderdemidiin Gürragtschaa. 40.000 Besucher - großteils in traditioner Kleidung - feiern in einem 4 stündigen Spektakel, das in seinem Aufwand jeder WM- oder Olympiaeröffnung standhält. Man sieht sich - und wird gesehen.
Das ganze Land ist auf den Beinen. In der Stadt geht gar nichts. Alles geschlossen, niemand da. Alle sind am Fest oder bei Verwandten draußen in der Steppe. Fast wie Weihnachten und Neujahr bei uns. Ringen, Bogenschießen und Pferderennen werden in drei aufeinanderfolgenden Tage abgehalten.
Den Siegern winken neben Geld- und Sachpreisen vor allem Ruhm und Ehre über Jahre. Es gibt 6 Altersklassen, pro Klasse nehmen 400 bis 500 Pferde teil.
Erstmals gibt es eine eigene Klasse für Mischlinge. Also Produkte aus Kreuzungen mit zumeist russischen und auch chinesischen Vollblütern und Arabern. Jockeys sind Kinder zwischen 8 und 11 Jahren. Es sind meist Kinder von Nomadenfamilien. Sie leben die ganzen Ferien über (es gibt eine allgemeine Schulpflicht - für Nomaden in Internaten) bei den Herden und sind praktisch für alles zuständig.
Erstmals gibt es eine eigene Klasse für Mischlinge. Also Produkte aus Kreuzungen mit zumeist russischen und auch chinesischen Vollblütern und Arabern. Jockeys sind Kinder zwischen 8 und 11 Jahren. Es sind meist Kinder von Nomadenfamilien. Sie leben die ganzen Ferien über (es gibt eine allgemeine Schulpflicht - für Nomaden in Internaten) bei den Herden und sind praktisch für alles zuständig.
Besonders zu bewundern beim Fangen von einzelnen Tieren aus einer Herde. Statt eines Lassos verwendet man eine 9 (!) Meter lange Stange - uurga genannt - mit einer Schlinge an einem Ende. Der Hirte nähert sich im Galopp mehr oder weniger unauffällig dem gesuchten Tier und versucht es mit der Schlinge um den Hals zu fangen. Zumeist ergibt sich daraus eine wilde Jagd über Stock und Stein und im Zickzack auch durch die Herde bis es gelingt die Schlinge um den Hals zu legen und dann diese während des weiteren Galopps einzudrehen und so das eingefangene Tier allmählich in bester Ropingmanier zum Stehen zu bringen.
Daher war auch der Kern meiner beratenden Funktion gefunden: Solange sie mit unpassenden und ungepflegten Schuhen laufen nützt ihnen die ausgeklügeltste Fütterung, das tollste Training, die neueste Infusion und auch der beste Vollbluthengst aus der Retorte nichts. Ein Aufruf an alle Hufschmiede: wer Interesse an einem mehr oder weniger Gratisaufenthalt in der Mongolei hat und bereit ist sein Wissen um einfache Hufpflege in ein oder zwei Wochen weiterzugeben, der ist herzlich eingeladen. Interessenten sind willkommen. Erlebnis garantiert. Und vielleicht sogar der ewige Ruhm einen Naadamsieger ermöglicht zu haben.

 
 FS ABCpixNEWS 06-09-2016
Fotos: ©ABCpix.net/ FRITZ WOLLINGER
Mehr Infos unter: http://www.wollinger.at/moIndex.html
 
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